Weihenacht – Das (Mani)Fest der Liebe

von Michael Hoppe

Liebe Mitmenschen, in dieser Winterausgabe möchten wir ein besonderes Ereignis beleuchten, nämlich die Weihenacht, das christliche „(Mani)Fest der Liebe“. Denn niemals war die Liebe notwendiger als heute. Wir befinden uns inmitten einer menschengemachten existentiellen Krise, für welche vor langer Zeit von einem Lichtbringer der Satz geprägt wurde: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Damit diese Krise nicht in einer Katastrophe endet, sondern baldmöglichst in eine schmerzfreie Neugeburt übergeht, sollten wir uns wieder auf das Wesentliche besinnen und die Liebe endlich wieder in unsere Herzen lassen.

Im Corona-Jahr 2020 fand ich den vorweihnachtlichen Gemeindebrief der evangelischen Kirche in meinem Briefkasten. Obwohl ich konfessionslos bin, bin ich doch ein tief gläubiger Mensch. In allen Weltreligionen finde ich Anhaltspunkte dafür, daß die göttliche Schöpfung vollkommen und der Sinn des Lebens die Suche nach der Wahrheit ist. Mein tiefstes Sehnen ist, mich eines Tages all der Gnaden würdig zu erweisen, die ich tagtäglich empfange – meist ohne sie bewußt wahrzunehmen oder gar von Herzen dankbar dafür zu sein.


Der Freigeist Jesus Christus

Da ich den Gemeindebrief nicht lese, wollte ich ihn gerade auf den Stapel anderer „Werbeprospekte“ legen, als mein Blick die Rückseite streifte. Dort stand geschrieben: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ (Joh. 6,37) Erst als ich genau hinsah, erfaßte ich, daß dieser Satz von Jesus Christus stammt, der sicher eine etwas andere Einstellung zu all dem gehabt hätte, was wir heute erleben. Ich bin überzeugt: Er hätte die Menschen nicht in Rechte und Linke oder in Gläubige und Ungläubige aufgeteilt, er hätte keine „Brandmauern“ errichtet, hätte die Spaltung der Gesellschaft nicht mit Macht vorangetrieben und die Freigeister zu Abtrünnigen oder gar Ketzern erklärt. Er war selbst Freigeist, hat sich nicht an die oft unsinnigen Glaubensregeln gehalten und seine Meinung offen vertreten. Was ihm schließlich zum Verhängnis wurde.

Heute würde man ihn wohl „Querdenker“, „Esoteriker“ oder „Anarchist“ schimpfen, oder ihm gar seine Zurechnungsfähigkeit absprechen, weil er „Selbstgespräche mit dem Vater“ führt. Und während ich so nachdachte, fiel mir eine geradezu irrwitzige Überschrift aus dem Jahre 2020 wieder ein. Spiegel-Kolumnist Christian Stocker hatte den Lesern erklärt: „Jesus hätte seine Oma (an Weihnachten) nicht besucht.“ Was wohl soviel heißen sollte wie: Auch der größte Heiler der Menschheitsgeschichte fürchtet sich vor dem schrecklichen „Killervirus“ und hält sich – am Fest der Liebe – fern von denen, die er liebt.

Welches Weltbild hat ein Mensch, der eine solche Aussage tätigt? Oder sollte man fragen: Wie wenig traut er nicht nur dem Lichtgesandten Jesus Christus, sondern auch allen anderen spirituell orientierten Erdenbewohnern zu, die ihr Dasein nicht auf das rein Materielle begrenzen?

Diese Überschrift ist für mich geradezu sinnbildlich für die Kluft zwischen einer rein materialistischen und im Grunde gottlosen Welt und der Welt von Spiritualität und Glauben. Ich möchte nicht behaupten, daß der Glaube allein gegen alle Unbilden des Lebens „immunisiert“. Der fehlende Glaube jedoch ist eine Krankheit an sich, die den Menschen nach und nach zersetzt und ihm jeglichen inneren Halt nimmt. Wer an nichts glaubt als an die Materie, der hat natürlich nur begrenzte Wirkmöglichkeiten. Jede Ursache und jede Wirkung ist für ihn materiell, und außer materiellen Dingen kann nichts wirklich von Bedeutung sein.

Ganz plötzlich ergriff mich ein tiefes Mitgefühl mit dem Kolumnisten „Christian“, der – falls er nicht gelogen hat – wohl tatsächlich glaubte, was er von sich gab. Der lieber seine alte Großmutter einsam und alleine an Weihnachten in ihrem Altenheimzimmer sitzen und leiden ließ, als „etwas zu riskieren“. Der sicher auch kein Verständnis hätte für einen mutigen Freigeist Jesus, von dem überliefert ist, daß er – entgegen jeder medizinischen Empfehlung – zu hoch infektiösen Aussätzigen und Leprakranken ging und sie heilte und tröstete. Weil er sich eben nicht fürchtete vor Mutter Natur und ihren Geschöpfen, die uns angeblich überall bedrohen und uns nach dem Leben trachten. Dieser Jesus Christus beschäftigt mich auch heute – und nicht nur, weil wir in Kürze wieder einmal seinen Geburtstag feiern werden.


Die Weihenacht – Das (Mani)Fest der Liebe

Apropos Geburtstag! Beginnen wir am Anfang, in der ersten Weihenacht, als in einem kleinen Stall zu Bethlehem ein Kind geboren wurde, dessen Schicksal uns bis heute bewegt. Es geschah dies zu einer Zeit, in der es finster war auf diesem Planeten, in der Völker andere Völker versklavten und Menschen auf dem Marktplatz gekreuzigt oder gesteinigt wurden.

Die Reise nach Bethlehem war für Jesus´ Eltern nötig geworden wegen der Volkszählung. Da es noch keine Tracking-App oder andere Überwachungsinstrumente gab, mußten sich alle Bürger an ihren Geburtsorten einfinden, damit man sie kontrollieren und registrieren konnte. Und da zudem kein Herbergszimmer frei war, mußte eben ein Stall als Unterschlupf dienen.

Machen wir einen Zeitsprung: Jahrhundertelang wurde dieser Geburtstag Christi, die Weihenacht, als Fest der Liebe gefeiert. Menschen erinnerten sich an die frohe Botschaft, sie besannen sich, versöhnten sich und verziehen einander. Man wollte dem Beispiel des Liebesboten folgen, und es sollte einen Heiligen Abend lang Frieden herrschen auf Erden. Man betete, man sang und musizierte. Und man schmückte gemeinsam den Christbaum, der den Aufbau der Schöpfung symbolisiert:

Ganz oben der Stern, das Licht, die Lebensquelle. Dann Ebene um Ebene, sich nach unten ausbreitend, die Schöpfung selbst, in all ihrer Vielfalt, „dekoriert“ mit den Gaben des Schöpfers, die dem Menschen Tag um Tag zuteilwerden. Der Baum umringt von leuchtenden Augen und strahlenden Gesichtern.

Irgendwann jedoch wurde aus diesem besinnlichen Zusammensein eine Art „Geschenke-Schlachtfest“, bei welchem ungeduldige Kinder hastig verpackte „Spielekonsolen“ aus Papierleichen rissen und – anstatt ein Weihnachtslied anzustimmen – das neueste Killerspiel an ihrem Computer zelebrierten. Die stolzen Eltern erhielten ein kurzes Kopfnicken als Dankeschön und machten sich wieder über den Festbraten her. Liebe Mitmenschen, wie konnte es so weit kommen?

Was ist nur mit uns geschehen, daß wir das goldene Kalb anbeten, anstatt uns auf die wahren Werte zu besinnen? Wie können wir uns von lichtblinden Demagogen dazu verleiten lassen, unsere Schicksalsgemeinschaft als suchende Menschen völlig aus den Augen zu verlieren, uns gegenseitig nicht nach Seelenadel oder Geistesreife zu bewerten, sondern nach Geimpft- oder Ungeimpftsein, oder nach kultureller oder politischer Gesinnung?

Jener besagte Jesus Christus lebte in einer Zeit, in welcher die verstandesklugen Römer ihre Untertanen durch das Prinzip von „Teile und herrsche“ kontrollierten, indem sie den unterworfenen Völkern Regeln an die Hand gaben, die zur immerwährenden Spaltung der Gesellschaft führten. Denn kein Volk ist leichter zu beherrschen als ein angstvolles, uneiniges, orientierungsloses.

Ist das heute so viel anders? Werden nicht auch wir beständig „aufgeteilt“ in ideologische, politische, religiöse und andere gesellschaftliche „Glaubensgruppen“, die angeblich alle miteinander in Konkurrenz stehen? Sind wir nicht fest davon überzeugt, daß wir uns mit unseren Mitmenschen messen müssen, um unseren Platz in dem begrenzten Erdenraum nicht zu verlieren? Sind wir nicht alle nicht nur äußerlich, sondern auch in uns selbst gespalten, weil wir den Weg zurück zur Einheit nicht mehr finden?


Die Christus-Botschaft

Wir wissen nicht, wie Jesus seine Kindheit und Jugend verbrachte. Wir wissen nicht, ob er unter dem sicher oft groben und unbewußten Verhalten seiner Mitmenschen litt. Ob er zweifelte, ob er Sorgen hatte, ob er durch seine besondere Art ein Außenseiter war. Ob seine heilerischen Fähigkeiten bereits in jungen Jahren zum Durchbruch kamen oder erst später.

Auch zwischen der Begegnung mit Johannes dem Täufer in sehr jungen Jahren und dem dokumentierten Wirken als reifer Erwachsener klafft eine jahrelange Lücke, die bei vielen Menschen zu den unterschiedlichsten Spekulationen führte. Die einen behaupten, Jesus sei nach Indien gegangen und von Buddhisten unterrichtet worden, die anderen warten mit noch exotischeren Lebensläufen auf.

So wie die katholische Kirche später die sogenannten heidnischen Festtage der Naturvölker vereinnahmt hat und diese in „christliche Feiertage“ verwandelte, so wird auch die Lichtgestalt Jesus Christus gerne von denen vereinnahmt, die ihre Philosophien „aufwerten“ möchten. Das ist typisch menschlich, die Welt vor allem durch die eigene Brille zu betrachten.

Was für mich selbst bedeutungsvoll ist, sind die Kernaussagen und Gleichnisse, die einen Widerhall in der eigenen Seele finden. Die ganz tief in uns eindringen, wenn wir sie hören oder lesen. Aus denen fühlbar Urwahrheit spricht. Was mir gerade für die heutige, von Spaltungen geprägte Zeit als ganz wichtige Botschaft erscheint, ist, daß Jesus Christus immer den Frieden und die Einheit gepredigt hat. Obwohl selbst ganz Individuum, war er doch überzeugt, daß es nur einen Weg zurück ins Licht geben kann – den friedvollen und gemeinsamen!

Sein Erleben der zerstückelten und im Kerne hoffnungslosen Menschenwelt mündete in der wohl einfachsten und doch universellsten Lebensregel, die je ein Weiser an die Menschheit übergeben hat. Dieses vornehmste aller Gebote lautet: „Es gibt nur einen Gott, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Wem dies gelingt, dessen Leben erfährt eine radikale Veränderung.


Am Scheideweg

Die Liebe ist es, die über allen Dingen thront. Sie erfüllt das Unerklärliche mit Sinn. Und wer nicht lieben kann, wird auch den Schöpfer nicht verstehen, dessen gesamtes Werk ein Ausdruck göttlicher Liebe ist. Auch wenn wir lichtblinden Menschen diese Liebe meist nicht sehen – was ja die Gegenwart deutlicher zeigt dennje.

Wenn wir das aktuelle Weltgeschehen betrachten, so wird uns untrüglich bewußt, daß wir uns an einer Wegscheide befinden. Und wir müssen uns richtig „ent-scheiden“, wenn wir nicht alles verlieren wollen, was wir uns über Generationen mühsam aufgebaut haben. Die immer mehr um sich greifende Spaltung der Gesellschaft ist nicht nur eine Zerreißprobe, sie ist auch ein Riß durch die menschliche Seele. Und wie will ein zerrissener, zwiegespaltener Mensch sich selbst von ganzem Herzen lieben? Wie soll er seinen Nächsten lieben, wenn er sich selbst nicht lieben kann? Weil er nicht weiß, wer er selbst ist in seinem tiefsten Inneren. Weil er nur verzerrte Spiegelbilder seiner selbst auf seine Mitmenschen projiziert. Weil er nur Splitter sieht im Auge seines Nächsten und nicht das Brett vor seinem eigenen Kopf.

Wir haben uns so weit von uns selbst entfernt, daß wir nun in einer Art Vakuum leben. Wir warten darauf, daß ein Wunder geschieht, um die überall spürbare Leere wieder mit Leben zu füllen. Wir warten und hoffen und suchen nach der rettenden Idee, dem erlösenden Gedanken. Doch von außen wird die Lösung nicht kommen. Und käme sie von außen, so würden wir sie nicht als solche erkennen.

Erkenntnis ist immer ein innerer Prozeß. Sie ist wie die Geburt von etwas Neuem. Oft gehen dieser Geburt schmerzhafte Wehen voraus. Diese Wehen erleben wir im Moment!

Halten wir kurz inne und atmen tief durch! Denn in Kürze feiern wir wieder diesen besonderen Geburtstag. Doch wie werden wir ihn feiern? Werden wir uns darauf besinnen, was die wahre Bedeutung dieses Tages ist? Werden wir die Gelegenheit nutzen, in uns gehen und da nach Lösungen suchen, wo sie einzig und allein zu finden sind – in unserem Herzen?

Werden wir unser Herz weit öffnen und dabei erkennen, daß jede Spaltung eine Illusion ist? Werden wir spüren, daß die Liebe immer und in jedem Augenblick Trennungen und Spaltungen überwinden kann? Daß es ihre ureigenste Aufgabe ist, die Verlorenen und Verirrten zur Einheit zurückzuführen?

Die „Ent-Scheidung“ liegt bei uns! Sie liegt immer bei uns! Wir können den Zwiespalt jederzeit auflösen und zur Einheit zurückkehren. Wir müssen es nur von ganzem Herzen wollen. Das Fest der Liebe ist der ideale Zeitpunkt, dieses Wollen in die Tat umzusetzen.

In diesem Sinne: Eine liebevolle Weihnachtszeit.
Und möge das Licht der Erkenntnis uns alle erleuchten.

Ihr Mitmensch,
Michael Hoppe

Copyright Foto – Hans Georg Leiendecker