Mein Leben für Afrikas letzte Wildnis – Interview mit dem Wildhüter und Tierschützer Valentin Grüner

von Michael Hoppe

Valentin Grüner lebt den Traum vieler Menschen: Mit Anfang 20 gab der Tierfreund seine Heimat am Bodensee auf und zog in die Wüste Kalahari in Botswana. Zuerst sollte es nur eine Abenteuerreise sein. Als er vor 12 Jahren jedoch ein verlassenes Löwenjunges fand, änderte sich alles: Die kleine Sirga bestimmte fortan seinen Alltag, wuchs heran und lernte auf Streifzügen mit Valentin zu jagen und sich selbst zu versorgen. Heute ist Valentin Grüner Wildhüter und Verwalter eines 170 Quadratskilometer großen Wildreservats – und die einzigartige Freundschaft zur Löwin Sirga ist ungebrochen.

Lieber Valentin, in deinem 2022 veröffentlichten Buch »Löwenland« erzählst du die Geschichte deines bisherigen Lebens. Waldorfschule am Bodensee, die enge Beziehung zu Tieren, Berufsziel Tierarzt – und dann kam alles ganz anders. Heute bist du Ranger in der Kalahari. Kannst du unseren Lesern beschreiben, wie und wo sie dich finden?

Valentin Grüner: (lacht) Wir sind im ganz südwestlichen Zipfel von Botswana, irgendwo im Nirgendwo. Botswana ist eines der am dünnsten besiedelten Länder der Erde. Und wir sind in der am dünnsten besiedelten Region dieses Landes. Bis zum nächsten Supermarkt sind es knapp drei Stunden. Und in die andere Richtung sind es hunderte Kilometer bis zum nächsten Dörfchen. Wir sind südlich vom Kgalagadi Transfrontier Park – ein Teil des Parks ist in Südafrika, ein Teil in Botswana. Der Park ist riesig und zusammen mit den Wildgebieten um den Park in etwa so groß wie Dänemark und die Schweiz zusammen. Hier ist noch alles sehr wild, es gibt kaum Entwicklung.

Du lebst ja sehr spartanisch, was dir aber nichts ausmacht. 

Valentin Grüner: Das stimmt. Die Wohnsituation ist recht primitiv, aber mir gefällt es. Ich habe mir selbst ein kleines Camp gebaut. Hauptsächlich geht es darum, daß wir ein Büro haben, einen überdachten Platz zum Arbeiten, um die Autos reparieren zu können. Das Bad hat Toilette und Dusche, aber bisher nur kaltes Wasser. Was dann im Winter hart ist, da es in der Kalahari recht kühl werden kann. Dann habe ich einen Wohnwagen, ein uraltes Ding. 

Mein Camp ist mitten in der Wildnis. Die Tiere kommen auch bis ins Camp. Die letzten Tage hatten wir den Leoparden in der Werkstatt und im Badezimmer. Und während wir abends am Feuer sitzen – nicht einmal zehn Meter neben uns ist so eine kleine Vogeltränke – kommt auch mal ein Leopard, um Wasser zu trinken. Ich werde oft gefragt, ob das nicht sehr gefährlich sei, so nah bei den wilden Tieren. Ich denke, wenn man sich den Tieren gegenüber richtig verhält, ist es ungefährlicher als in einer Großstadt, wo ein Haufen Autos fahren und überall Verkehr ist. Ich kann das Leben hier genießen und habe das Glück, daß ich so etwas erleben darf. Es gibt kaum noch Gegenden, wo das überhaupt noch möglich ist.

Könnt ihr euch selbst versorgen, oder ist das in der Kalahari nicht möglich?

Valentin Grüner: Wir versorgen uns größtenteils selbst. Fleisch erhalten wir über die Jagd, ich muß ja die Bestände kontrollieren. Ich habe einen Gemüsegarten angelegt, wo wir eigenes Gemüse anbauen. Unser Problem ist, daß unser Wasser aus 120 km Entfernung hierhergepumpt wird. Ziel ist, alles mit Regenwasser-Auffanganlagen zu machen. Nicht nur für uns hier im Camp, sondern auch für die Tiere im Reservat. Das ist sicher die nachhaltigste Lösung.

Was unsere Infrastruktur angeht, da haben wir ein paar ältere Geländewägen und Trucks und glücklicherweise ein kleines Flugzeug, mit dem man nach dem Rechten sehen kann. Wir kommen also einigermaßen autark zurecht.

Vieles hat sich in deinem Leben ja einfach so ergeben und war nicht geplant. Wie hat denn dein Afrika-Abenteuer begonnen? Und wie bist du Unternehmer und Wildhüter geworden?

Valentin Grüner: Ich bin mit 21 Jahren das erste Mal nach Botswana gekommen und habe in Maun, im Okavango-Delta, im Tourismus und für Wissenschaftler gearbeitet. Ich habe Bootstouren ins Okavango-Delta gemacht und Wissenschaftlern bei ihren Trips durch die Kalahari geholfen. So habe ich mich durchgeschlagen, bis ich mein eigenes Camp angefangen habe.

Meinen Job zu beschreiben, ist nicht ganz so einfach. Im Moment habe ich acht Angestellte. Wir versuchen ein bißchen im Tourismus Geld zu verdienen, vor allem mit jungen Menschen. Wobei der Tourismus gleichzeitig Teil einer Naturschutz-Ausbildung ist. Es kommen Schulklassen, die ich unterrichte. Und natürlich kommen regelmäßig Besucher aus Europa, die einige Wochen hier mit uns verbringen. 

Wir müssen die riesigen Zäune instandhalten, wir müssen Feuerschneisen ziehen, da Buschfeuer ein großes Problem sind. Und wenn das Gras verbrennt, ist auch die Nahrung für die Tiere weg. Ansonsten muß ich einfach alles machen. Ich habe hier alles selber gebaut, jedes Gebäude, muß Autos und Zäune reparieren, Flughäfen anlegen, ich muß jagen und die Bestände regulieren.

Apropos Jagen. Du lebst ja seit 12 Jahren mit einer Jägerin zusammen und gehst auch regelmäßig mit ihr auf die Jagd. Wie muß man sich das vorstellen?

Valentin Grüner: Das stimmt. Ich lebe hier nicht ganz alleine, sondern mit einem Tier. Das Tier ist eine Löwin und heißt Sirga. Sirga wurde in einer Auffangstation geboren, die Eltern haben sich nicht um sie gekümmert, was bei Löwen in Gefangenschaft schnell mal passiert. Ich habe Sirga dann mit der Flasche aufgezogen. Das ist – wie gesagt – schon einige Jahre her. Sirga geht es gut. Sie hat hier einen großen Teil des Reservats, separat eingezäunt. Sie hat ihr freies Leben, ich kümmere mich trotzdem um sie und bin jeden Tag bei ihr.

Meine Beziehung zu Sirga ist wirklich etwas sehr Besonderes. Ich bin mir dessen auch bewußt. Sie möchte sich anderen Löwen nicht anschließen und kommt auch freiwillig jeden Tag hierher zurück. Unsere Beziehung ist sehr innig. Sirga springt mich jedes Mal an und nimmt mich richtig in die Arme, wenn ich ins Gehege reingehe. Da sie inzwischen an die 200 Kilo wiegt, muß ich natürlich aufpassen. (lacht) 

Es gibt zwischen uns keine Grenze, sie ist nicht trainiert, ich gebe ihr keine Befehle. Wir gehen zusammen raus, und für mich ist es wichtig, daß ich den Löwen in seinem Revier und in seinem Ökosystem besuche und nicht umgekehrt. Löwen gehören nicht in unsere Welt, sie gehören nach Afrika und in die Wildnis. Und solange man einen Löwen in seinem Lebensumfeld beläßt, ist der Löwe auch zufrieden und berechenbar.

Wenn ich mit Sirga draußen bin und sie jagt, kann das wirklich Stunden dauern. Manchmal auch den ganzen Tag. Am Anfang ist Sirga einfach aufgedreht und freut sich und nimmt mich in den Arm. Dann fängt sie an, sich zu konzentrieren, folgt ihrem Geruchssinn und schaut, was um sie herum ist. Sie macht sich sehr schnell ein gutes Bild über diese riesige Gegend. Sie fängt an zu laufen, immer in die richtige Richtung, bis sie dann zum Beispiel auf eine Herde Antilopen trifft. Die letzten paar hundert Meter können dann mehrere Stunden dauern, da Sirga nur von einem Busch zum nächsten kriecht. Und dann oft nicht mal jagt, da die Tiere zu sehr aufpassen und Sirga weiß, daß sie keinen Erfolg haben wird.

Es gibt ja viele Naturromantiker, die meinen, man müsse einfach Löwen züchten und dann auswildern und könne so den Wildtierbestand wieder aufbauen. Wie sieht das in der Praxis aus?

Valentin Grüner: Wenn man das tun würde, hätten die Löwen nur sehr wenig Chancen, lange zu überleben. In Botswana haben wir in den letzten 50 bis 70 Jahren bestimmt 90 % des Tierbestands verloren. Hauptsächlich Gnus, aber auch viele andere Arten wie Springböcke. Dementsprechend haben wir heute auch 90 % weniger Löwen. Nun einfach zu sagen, wir müssen Löwen züchten oder Löwen wieder auswildern, das hilft einfach nicht, weil das Essen weg ist.

Schon nach kurzer Zeit käme ein Löwe in Berührung mit Menschen. Und sobald er die Zuchttiere angreift, wird er erschossen. Wir hatten kürzlich einige solche Fälle, die wir dann aber gütlich mit den Züchtern regeln konnten. Und selbst junge, freilebende Löwen sind häufig mit Narben übersät, da der Revierkampf und der Kampf ums Überleben hart ist. Dagegen sieht Sirga auch mit 12 Jahren noch aus wie ein junges Mädchen. (lacht) 

Die Großwildjagd ist ja noch lange nicht ausgestorben. Neben den vielen Wilderern, die Wildtiere z.B. wegen der Stoßzähne töten, vermitteln vermeintliche »Tierschutzorganisationen« wie der WWF auch gezielte Löwen- oder Elefantenabschüsse gegen hohe gebühren. Wie erlebst du das Thema? 

Valentin Grüner: Das Thema Jagen sehe auch ich sehr kontrovers. Zum einen ist es natürlich für die Regionen eine echte Einnahmequelle, wenn ein reicher Amerikaner oder Europäer 500.000 Dollar dafür bezahlt, einen alten Löwen erschießen zu dürfen, der sowieso nicht mehr lange zu leben hätte. Da geht es dann um ein paar Fotos und vielleicht noch um die Jagdtrophäe. Und der Jäger bekommt den Löwen zugewiesen, den er schießen darf.  

Ich selbst halte nichts davon, weiß aber oft selbst nicht, wie ich mein Projekt finanzieren soll. Da verstehe ich, daß viele Leute schwach werden. Hätte ich Sirga nicht und dadurch eine gewissen Aufmerksamkeit in den Sozialen Medien, wäre ich von jeder Einnahmequelle abgeschnitten.

Wenn du deine Mission mit wenigen Sätzen umschreiben müßtest, wie würden die lauten?

Valentin Grüner: Wir haben zwar in sehr kurzer Zeit einen Großteil der Tiere verloren, aber nicht den Lebensraum. Da ist Botswana sehr einzigartig. Wenn man diesen vorhandenen Raum nun vernünftig managt und sich darum kümmert, und die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholt, dann kann man hier wirklich etwas erreichen. Hier hat Botswana ein einzigartiges Potential – und ich hoffe, daß ich ein Teil davon sein kann. 

Meine persönliche Mission ist, im Naturschutz wirklich etwas zu bewirken. Und das funktioniert nur mit den Leuten, die hier leben und eine Zukunft hier haben. Diesen Menschen hat man nicht wirklich beigebracht, wie man diese Naturschutzgebiete erhält. Wir haben alles besetzt und züchten in Botswana Rinder, um das Fleisch in Europa verkaufen zu können. Hier sehe ich meine Aufgabe in Botswana, der Kalahari etwas Gutes zu tun und mich wirklich um unsere Erde zu kümmern.

Lieber Valentin, ganz herzlichen Dank für das Gespräch und deine Arbeit. Und Grüße an Sirga, die gerade im Hintergrund zu hören war.

Das Interview führten

Michael und Egle Hoppe

Wer Valentin Grüner und das Modisa Wildlife Project unterstützen möchten, kann sich über www.patreon.com/sirga anmelden und ­einen kleinen monatlichen Beitrag leisten.  

Weitere Informationen

www.valentingruener.de

www.modisawildlifeproject.com

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