Wochenmarkt oder Supermarkt? Wir entscheiden! – Gespräch mit dem Biogärtner und Freigeist Klaus Umbach

von Michael Hoppe

Ob Bio-Goji, Artemisia, Chili oder Hanf, Klaus Umbach hat ein Herz für Exoten. Seit vielen Jahren leistet er Aufklärungsarbeit, ist in Verbänden aktiv, steht als Redner auf der Bühne und läßt sich von Rückschlägen nicht aus der Bahn werfen. Während die Biobranche sich derzeit in einer tiefen Krise befindet, geht der Heilbronner Biogärtner alternative Wege und plädiert für die Wiederbelebung des Kulturguts Wochenmarkt.

Lieber Klaus, wann immer wir uns sehen, hast du neue Projekte am Start. Im April ist dein Konzept »Gartenglück« wieder angelaufen, bei dem Hobbygärtner eine Parzelle bei dir mieten und eigenes Biogemüse anbauen können. Ende Juni steht das Artemis-Festival auf dem Programm. Dazu bist du in Online-Kongressen live zu sehen und auf immer mehr Wochenmärkten präsent. Was ist denn dein aktuelles Hauptthema?

Klaus Umbach: Die Bauernproteste am Jahresanfang waren ein wichtiger Impuls für jeden Bürger, ernsthaft darüber nachzudenken, wo man sein Geld für Lebensmittel ausgibt. Trägt man es weiter in den Supermarkt, wo man in der Regel einen Konzern unterstützt und die Erzeuger einem enormen Preisdruck unterliegen? Oder unterstützt man den regionalen Bauern, der lebendig für das steht, was er anbietet? Man könnte auch sagen: Möchte man die künstliche Welt oder die reale Welt?

Natürlich gibt es auch unter den Supermarktbetreibern idealistische Ausnahmen, wie etwa die Firma Ueltzhöfer, die in ihren Edeka-Märkten auf regionale Anbieter und Nachhaltigkeit setzt. Je größer ein Unternehmen jedoch wird, desto mehr steht der reine Profit im Vordergrund. Wenn man bedenkt, daß der Bauer, aus dessen Korn ein Brötchen gebacken wird, gerade einmal 5 % des Verkaufspreises erhält, dann sollte das schon nachdenklich stimmen.

Deshalb habe ich mich den Wochenmärkten verschrieben, bin seit drei Jahren auch in Stuttgart auf mehreren Wochenmärkten und habe auf den Ueltzhöfer-Parkplätzen permanente Marktstände. Dort habe ich sozusagen Narrenfreiheit, habe andere Öffnungszeiten als der Supermarkt und kann mein Angebot frei und individuell gestalten.

Eine Wochenmarkt-Infrastruktur aufzubauen, ist natürlich eine Herkulesaufgabe: Du mußt das Personal finden, du brauchst Zelte, mußt aufbauen und abbauen, Miete bezahlen usw. Und trotzdem ist es für mich als Erzeuger die Chance, nicht mehr dem marktüblichen Selektieren zu unterliegen. Einige meiner Produkte wie etwa Artemisia Annua sind im Großhandel unverkäuflich. Auch Hanfprodukte sind immer noch in einer Art Grauzone, wovor sich größere Handelsketten fürchten. Oder wenn ich von einer Topfpflanze einen Überhang habe, mußte ich diese früher oftmals auf den Kompost werfen – heute kann ich sie über meine Marktstände quasi exklusiv anbieten.


Du sprichst hier ein Thema an, das gerade sehr viele Lebensmittelbetriebe umtreibt. Wir erleben ja derzeit eine große Bioladen-Krise, die in relativ kurzer Zeit zum Schließen hunderter von Läden geführt hat. Obwohl die Bioläden – trotz Inflation und Energiepreiserhöhungen – ihre Preise kaum angehoben haben, während die Discounter manche Produkte um bis zu 60 % teurer anbieten, sind sie nun die Leidtragenden, da die Kunden ihnen den Rücken kehren und in die Discounter laufen. Was die Verbraucher allerdings nicht beachten, ist, was an der Biobranche alles mit dranhängt, nämlich die regionalen Landwirte und Erzeuger. Da hat man über viele Jahre eine regionale Infrastruktur aufgebaut, die nun in Gefahr ist. Denn die Discounter bieten zwar nun auch »Bio« an, aber nur bestimmte Produkte. Das heißt, sie kaufen den Erzeugern nur diese Produkte in Masse ab, den Rest aber nicht. In der Folge stirbt die Vielfalt immer mehr aus.

Klaus Umbach: Genau so ist es. Die Supermärkte haben die Regionalität für sich entdeckt. Regionale Bioprodukte sind aber in der Masse, wie sie die Supermärkte benötigen, gar nicht verfügbar und müssen daher weite Strecken zurücklegen. Ich war mehrere Jahre bei Alnatura gelistet, bin nun aber rausgeflogen, weil ich die logistischen Erwartungen nicht erfüllt habe. Die Produkte waren in Ordnung, der Preis war in Ordnung, doch sind die hohen Speditionskosten der Knackpunkt.

Das war wieder ein Lehrstück für mich und hat mir gezeigt: Ich muß raus aus diesen Großstrukturen. Das Sinnvollste ist sicher, wenn der Erzeuger es schafft, seine Produkte in seinem Hofladen zu verkaufen. Mein Hofladen sind eben die Wochenmärkte, und die Märkte sind ein Kulturgut. Und dieses Kulturgut könnte man pflegen, und wir Erzeuger könnten es wieder mit Leben erfüllen, jeder an seinem Platz. Denn die Kunden sind ja schon da. Und es ist ja nicht wirklich sinnvoll, sechs Bauernhöfe anzufahren, hier deine Milch, dort deine Eier, dort dein Brot und dort dein Fleisch zu holen.

Auf dem Wochenmarkt ist alles an einem Ort. Das ist genial. Und wenn es gut gemacht ist, dann macht so ein Markt Spaß, dann nimmt man seine Kinder mit, geht nach dem Einkaufen Kaffee trinken, trifft seine Nachbarn. Leider ist heute das Gegenteil der Fall. Dieses alte Kulturgut wird meist »grottenschlecht« vermarktet.


In Italien oder in Frankreich haben die Wochenmärkte eine große Tradition, sind Teil der Lebenskultur. Einen solchen Markt zu besuchen, ist ein Fest und ein Muß bei jeder Italien- oder Frankreichreise. Es gibt Studien, die sich mit der Frage befassen, warum Pariser Frauen in der Regel schlank, gesund und bis ins hohe Alter aktiv sind. Die Antwort lautet, weil sie fast täglich auf den Wochenmarkt gehen und dort nie sehr viel, aber stets in hoher Qualität einkaufen – und sich natürlich dabei zu Fuß fortbewegen. Leider haben Aldi, Lidl und Co. auch in Frankreich Einzug gehalten, was zu einem zunehmenden Verfall der Ernährungskultur führt …

Klaus Umbach: Und zum Rückgang der sozialen Kontakte. Denn auf dem Wochenmarkt wird ganz anders kommuniziert. Mit den Wochenmärkten könnte man mehrere Aspekte des Gesellschaftslebens wiederbeleben. Zum einen den Kontakt zwischen dem Erzeuger und dem Kunden. Dann das gesellschaftliche Miteinander, indem man sich nach dem Einkauf noch Zeit nimmt, einen Tee zusammen trinkt, sich austauscht. Letztlich profitieren alle Beteiligten. 

Der entscheidende Punkt für mich als Unternehmer jedoch ist, daß ich selbst gestalte. Ich gestalte das Sortiment, und Angebot und Nachfrage regeln den Markt. Was aber derzeit fehlt, ist die professionelle Organisation und Vermarktung dieses Kulturgutes. In den Sozialen Medien sind die Wochenmärkte so gut wie nicht präsent. Obwohl es unglaublich viel zu berichten gäbe, jeden Tag etwas Neues geschieht. Sei es auf der menschlichen Ebene oder bei den Betrieben selbst. Der eine hat neue Kühe, bei uns könnten unsere Heilpflanzen ein Thema sein. Es gibt erzählenswerte Geschichten ohne Ende.

In der Realität kommt der Marktleiter, beschwert sich, daß man vielleicht mit seinem Stand einen Meter zu weit links steht und kassiert die Standmiete. Die Entwicklung ist stehengeblieben. Die Verantwortlichen schaffen es noch nicht einmal, ein Schild aufzustellen mit der Liste der Marktteilnehmer, dem Datum und den Öffnungszeiten. Man müßte die Marktstrukturen professionalisieren und transformieren in die heutige Zeit.


Das erinnert mich an die Zeit, als die sogenannten Foodtrucks aufkamen und die Leute wieder in Strömen zu den Märkten gepilgert sind. Oft war man aber enttäuscht, da ein moderner Truck noch lange keine Garantie für hochwertige Speisen ist. Auch die aus Italien stammende Slowfood-Bewegung hat die Sehnsucht nach marktähnlichen Konzepten sichtbar gemacht. Und während in den Supermärkten alles irgendwie gleich aussieht und meist nur mit dem »billigsten Preis« geworben wird, kann ein guter Marktschreier – wie auf dem Hamburger Fischmarkt – seine Produkte ganz individuell anpreisen.

Klaus Umbach: (lacht) Ganz genau. Darum plädiere ich auch dafür, daß die Wochenmärkte wieder ihren festen Platz in unserer Gesellschaft bekommen. Auch Kinder kommen hier wieder in Kontakt mit der Nahrungsrealität. Durch unsere Marktstände und unseren Tag der offenen Tür entsteht eine besondere Beziehung zu unseren Kunden. Die Menschen schauen hinter die Kulissen, lernen uns kennen, und wissen wieder, wo ihre Lebensmittel herkommen.

Das ist auch meine Botschaft: Wenn wir es schaffen, daß die Menschen wieder verbunden werden mit ihrer Region, mit ihrem Bauern, mit ihrem Markt, dann ist das für mich die idealste und auch nachhaltigste Lösung.


Wir sehen ja durch die leerstehenden Innenstädte und die Pleitewelle der Einkaufszentren, daß unsere alte »Shopping-Kultur« ein Auslaufmodell ist. Für mich als Mann war Einkaufen in großen Shoppingcentern nie Entspannung, sondern immer Streß. Ein Markt jedoch ist etwas ganz anderes: da ist alles übersichtlich, man kann probieren, da gehe ich sogar freiwillig hin.

Klaus Umbach: (lacht) Darum ist der Wochenmarkt für mich so etwas wie die reale Welt, und der Supermarkt ist die künstliche Welt. Und wir entscheiden mit unserem Geldbeutel, ob sich die künstliche Welt weiter ausbreitet und noch mehr Supermärkte gebaut werden oder die Wochenmärkte zu neuem Leben erwachen.


Lieber Klaus, das ist ein schönes Schlußwort. Wir sehen uns auf dem Wochenmarkt.

Das Interview führte
Michael Hoppe

Weitere Informationen:
www.gaertnerei-umbach.de

Wochenmärkte mit Umbach-Stand
Stuttgart – Schillerplatz: Di/Do/Sa – jeweils von 7 bis 13 Uhr
Stuttgart – Marienplatz: Freitag von 10.30 Uhr bis 17 Uhr
Ludwigsburg – Marktplatz: Di /Do jeweils 7 bis 13 Uhr, Sa 7 bis 14 Uh

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