Alles begann mit einem Studienprojekt an der Hochschule Mannheim. Ein kleines Studententeam startete im November 2012 die Kampagnenidee eines „Ministeriums für Glück und Wohlbefinden“. Inspiriert durch das kleine Land Bhutan, wo seit Jahren das „Bruttoglücksprodukt“ Teil des Staatswesens ist, kam man zu der Überzeugung, daß auch Deutschland ein Glücksministerium benötigt. Vor allem, um eine neue Bewegung und ein neues Bewußtsein ins Leben zu rufen und anhand dieser Metapher die wichtigen Fragen zu kommunizieren: Was ist gutes Leben? Und wie können wir es selbst in die Hand nehmen?

Liebe Gina Schöler, ich kann mich noch gut an unseren ersten Austausch im Sommer 2015 erinnern. Sie hatten sich Anfang 2014 entschieden, Ihr Studentenprojekt „Ministerium für Glück und Wohlbefinden“ zu Ihrem Beruf und Ihrer Lebensaufgabe zu machen. Und die Resonanz war so positiv, daß Sie von zahlreichen TV-Sendern eingeladen wurden. Seitdem ist vieles geschehen. 2015 war die Welt und insbesondere unser Land noch ein anderes. Können Sie noch einmal in Stichworten erzählen, wie alles begann und wie Sie die vergangenen Jahre erlebt haben?
Gina Schöler: Die Idee zum Ministerium für Glück und Wohlbefinden entstand 2012 im Rahmen eines Seminarprojekts während meines Masterstudiums an der Hochschule Mannheim. Ich habe Kommunikationsdesign studiert, und unsere Aufgabe war es, eine transmediale Kampagne zu gestalten, die im weitesten Sinne einen positiven Wertewandel in der Gesellschaft anstößt.
Über ein paar Ecken sind wir beim Brainstorming auf das Konzept des „Bruttonationalglücks“ gestoßen, und ich war direkt Feuer und Flamme! Schon damals hat mich das Thema so sehr gepackt, daß ich auch nach der Abgabe voller Tatendrang war und diese Initiative unbedingt weiterführen wollte. Seitdem bin ich selbständig in glücklicher Mission unterwegs. Mit alltagsnahen und spielerischen Aktionen rege ich dazu an, sich mit den wichtigen Erkenntnissen aus der Glücksforschung und der Positiven Psychologie auseinanderzusetzen – damals wie heute und quasi frisch verliebt wie am ersten Tag!
Auf der einen Seite hat sich viel verändert in den letzten Jahren: Pandemie, Klimakrise, Weltschmerz – all das verursacht ein hauchdünnes Nervenkostüm, kurze Geduldsfäden und gereizte Stimmung, bei mir selbst und natürlich auch in der Gesellschaft. Gleichzeitig hilft mir ein bewußter Realitätscheck: Krisen gab es schon immer. Pandemien, politische Umbrüche oder Inflation sind keine neuen Phänomene. Diese Perspektive hilft mir, nicht nur düster nach vorne zu blicken, sondern vor allem in die Selbstwirksamkeit zu kommen, denn mein Motto lautet: Zukunftslust statt Zukunftsfrust!
Gerade in schwierigen Zeiten motiviert mich meine Arbeit umso mehr. Wenn wir nicht von „glücklichen Zeiten“ sprechen können, wird es besonders wichtig, doch gerade dann über Glück zu sprechen. Denn in herausfordernden Phasen ist es entscheidend, den Fokus bewußt auf Gutes und Gelingendes zu legen, Selbstfürsorge zu praktizieren und psychische Gesundheit aktiv zu stärken. Nur so können wir den aktuellen – und auch zukünftigen – Herausforderungen wirklich gut begegnen.
Besonders schön empfinde ich die Entwicklung, daß diese Themen aus der Positiven Psychologie aus der Nische herausgekommen sind. Die Leute empfangen diese Erkenntnisse und die Haltung mit offenen Armen, sind neugierig, auch in die Selbstreflexion zu gehen, wollen sich weiterentwickeln und auch Themen wie Therapie & Co. sind zum Glück kein Tabu mehr.
Meine Arbeit erfüllt mich unglaublich, und jeden Tag zwicke ich mich, weil ich es kaum glauben kann, wie gut sich diese Kombination aus Sinn & Spaß anfühlt. Sei es bei der Arbeit mit Jugendlichen in Schulworkshops oder mit Führungskräften im Business-Kontext – die ehrliche Begegnung mit Menschen, die Gespräche und echten Augenblicke machen mich persönlich sehr glücklich.
Das Recht auf Glück und Wohlbefinden hat bei uns leider keine echte Tradition. Vor allem im protestantisch geprägten Schwabenland lernt man früh, daß man sein täglich Brot im Schweiße seines Angesichts ver„dienen“ muß und daß „Ora et labora“ und nicht die bedingungslose Freude am Sein uns dem Himmel näherbringt. Zum Lachen ging man lange in den Keller, nicht gemault war genug gelobt, und daß Eigenlob stinkt, war ebenso hinlänglich bekannt. Wo würden Sie als Glücksministerin ansetzen, um aus einer auf Selbstkritik konditionierten Gesellschaft eine glückliche(re) und zufriedene(re) zu machen?
Gina Schöler: Wenn wir einmal den Blick darauf werfen, was uns Menschen oft unglücklich macht, dann ist es das Vergleichen mit anderen: Was hat der oder die andere, was ich nicht habe? Könnte es doch mehr sein? Das Gras auf der anderen Seite scheint immer grüner, egal was wir machen. Wir lassen uns verleiten und verführen, nach links und rechts zu schielen, die Kollegen und Kolleginnen zu beneiden oder uns mit vermeintlichen Idealbildern aus den (sozialen) Medien zu vergleichen.
All das führt aber eigentlich nur zu falschen Vorstellungen von einem glücklichen Leben. Alles muß vermeintlich immer perfekt sein, wie am Schnürchen laufen – Erfolg über alles (was auch immer das bedeutet?). Das mündet in einer endlosen Schleife der Selbstoptimierung, und am Ende hat man vergessen zu leben.
Aus diesem Vergleichen entsteht übrigens auch häufig Selbstkritik. Wir reden hart mit uns selbst: „Warum habe ich das nicht erreicht?“, „Ich müßte doch weiter sein.“, „Andere kriegen das auch hin.“ Diese innere Stimme ist selten liebevoll. Und wenn sie sich dann noch mit alten Floskeln mischt wie „Man muß sich sein täglich Brot verdienen.“ oder „Eigenlob stinkt.“ – Glaubenssätzen aus einer ganz anderen Generation – dann wird sie endgültig zum schlechten Ratgeber.
Um aus diesem Modus auszusteigen, hilft es, wenn wir uns in Dankbarkeit üben und diese aktiv praktizieren. Also den Fokus darauf zu richten, was gut im eigenen Leben läuft, worauf wir stolz sind, welche großen und kleinen Momente der Zufriedenheit wir erleben. Das für sich zu sammeln und zu dokumentieren, kann den Fokus schärfen und uns glücklicher und zufriedener machen. Das funktioniert übrigens schon mit den Kleinsten:
Meine Kinder sind 2,5 und 6,5 Jahre, und wir fragen uns gegenseitig jeden Morgen: Was ist dein Wunsch für heute? Was brauchst du heute? Und: Worauf freust du dich? Und abends vor dem Schlafengehen: Was lief heute doof? Was hat dich geärgert? Und: Was war schön? Die Antworten sind so tiefsinnig und schön, daß es mich jedes Mal stolz macht zu sehen, welche Generation da heranwächst.
Eines unserer redaktionellen Hauptthemen 2026 ist die wachsende Orientierungslosigkeit unter jungen Menschen. Wie ich Ihrem Newsletter Ende 2025 entnommen habe, wird das sehr erfolgreiche Schulprogramm „Mental Health Coaches“ eingestellt, das die mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärken soll. Was sehr bedauerlich ist. Vor allem bei den Jüngsten hat die Corona-Zeit und auch die fast täglich in den Medien thematisierte Klimakrise seelische Wunden und große Verunsicherung hinterlassen. Lehrer und Psychologen berichten, daß Weltuntergangsstimmung und Zukunftsangst inzwischen bei vielen jungen Menschen omnipräsent sind und sie regelrecht lähmt. Wie sehen Sie diese Entwicklung? Und was können wir tun, um Hoffnung für die Zukunft an die nächsten Generationen weiterzugeben?
Gina Schöler: Diese Entwicklung bei unserer jungen Generation macht mich oft fassungs- und auch sprachlos. In meinen Workshops habe ich regelmäßig Tränen in den Augen, wenn mir Kinder und Jugendliche erzählen, daß sie morgens nicht aus dem Bett kommen, mit Sorge in die Zukunft blicken oder das Gefühl haben, nicht gut genug zu sein.
„Gina, wir verschwenden unsere wertvolle Jugend!“, sagte vor einigen Monaten ein 15 Jahre junger Mann zu mir, als wir über Bildschirmzeit und Mediennutzung sprachen. Er hatte Tränen in den Augen, weil er ratlos war, wie er herausfinden soll, was seine echten Träume sind, weil er sich so in der Parallelwelt verliert.
Generell macht es mich traurig, wenn ich in fragende Gesichter schaue, wenn ich die jungen Menschen frage, was sie glücklich macht, was sie gerne tun oder was ihre Stärken sind. All das muß endlich in den Fokus gesetzt werden – zusammen mit Kreativität, Kollaborationsfähigkeit und Lösungsfokus. Das sind die Zukunftskompetenzen, die diese Generation braucht, um in der Welt von morgen (gut) leben zu können!
Die mentale Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen steht massiv unter Druck, das zeigen zahlreiche Studien und Befragungen der letzten Jahre sehr deutlich. Glück ist kein „Nice-to-have“, sondern eine Grundvoraussetzung für ein gelingendes Aufwachsen, für Teilhabe und für ein gutes Leben. Wer als Kind und Jugendlicher seelisch gesund ist, kann besser lernen, fühlt sich alltäglichen Herausforderungen besser gewachsen und gibt diese Fähigkeiten in späteren Lebensphasen auch weiter – hier müssen wir dringend investieren und unterstützen!
Was wir konkret tun können? Zuerst: Sichtbar machen, darüber sprechen, Wissen aufbauen. Wir alle sollten uns über psychische Gesundheit, Prävention und Warnsignale informieren. Nicht zwingend als Experten, sondern als aufmerksame Mitmenschen. Wenn wir sensibilisiert sind, können wir früher hinschauen, konkret nachfragen, zuhören und unterstützen. Gleichzeitig müssen wir mentale Gesundheit sichtbar machen und darüber sprechen: in Schulen, Familien, Firmen, Vereinen – überall!
Hoffnung weiterzugeben, bedeutet für mich auch: Räume schaffen, in denen junge Menschen sich gesehen fühlen. Ihnen zutrauen, daß sie etwas bewirken können. Nicht nur über Probleme sprechen, sondern auch über Lösungen, Gestaltungsmöglichkeiten und Zukunftsbilder. Hoffnung entsteht dort, wo sie merken: „Ich bin wichtig, und mir wird zugehört.“
Es gibt zahlreiche Studien, die belegen, daß sich unsere Lebensqualität in den vergangenen Jahrhunderten kontinuierlich verbessert hat, wir es nur nicht so wahrnehmen. Woran sicher die mediale Berichterstattung einen beträchtlichen Anteil hat: Positive Nachrichten sind dort eher die Ausnahme. Geht es uns tatsächlich besser, als wir glauben? Und wie können wir lernen, unseren inneren Kompaß auf Glück einzustellen?
Gina Schöler: Ja, viele Studien zeigen tatsächlich: Wenn wir objektive Faktoren betrachten, wie Lebenserwartung, medizinische Versorgung, Bildung, Sicherheit, technische Möglichkeiten, dann geht es uns heute in vielerlei Hinsicht besser als früheren Generationen. Wir leben länger, gesünder und selbstbestimmter. Und trotzdem fühlt es sich für viele Menschen nicht so an.
Das liegt unter anderem an der Art, wie wir Informationen konsumieren. Medien funktionieren nach dem Prinzip der Aufmerksamkeit: die bekommt man leider leichter mit Krisen, Konflikten und Katastrophen als mit positiven Entwicklungen. Zudem ist unser Gehirn evolutionär auf Gefahr gepolt, weswegen schlechte Nachrichten stärker hängenbleiben als gute. Das führt dazu, daß wir die Welt oft düsterer wahrnehmen, als sie objektiv ist. Wenn wir täglich mit Krisenmeldungen gefüttert werden, entsteht schnell das Gefühl: Alles wird immer schlimmer.
Unseren inneren Kompaß auf Glück einzustellen, bedeutet deshalb vor allem: bewußt gegenzusteuern. Nicht indem wir Nachrichten meiden, sondern indem wir sie ergänzen. Indem wir uns fragen: Was läuft eigentlich gut? Wo sehe ich Fortschritt, Menschlichkeit, Lösungen? Es hilft, positive Nachrichten gezielt zu suchen und den Fokus regelmäßig auf das zu lenken, was stärkt.
In unserem Interview 2015 sagten Sie sinngemäß: Vor der Entscheidung, „Glücksministerin“ zu werden, waren Ihre Zukunftspläne recht konventionell. Dann kam das Glück und hat alles auf den Kopf gestellt. Im Volksmund gilt die vielsagende Weisheit: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Was würden Sie Ihren Mitmenschen ganz praktisch raten, die auf der Suche nach Sinn und einer erfüllenden Lebensaufgabe sind? Wo sollen sie beginnen?
Gina Schöler: Bei sich selbst. Mit der Entscheidung, sich selbst auf die Reise Richtung Glück zu begeben. Das ist nicht immer leicht, man muß sich genau überlegen, mit welchem Gepäck man unterwegs ist, wen man zu seinen Weggefährten zählt, mit welchem Babystep man beginnt. Man wird sicherlich Muskelkater bekommen und sich auch mal verlaufen. Aber das ist okay und ganz normal. Es gilt hin und wieder anzuhalten, durchzuschnaufen und zu checken, ob die Richtung noch stimmt und – die Aussicht zu genießen.
Letztlich geht es nicht um ein perfektes Leben, sondern um ein lebendiges. Eines, das man mit allem, was dazu gehört, gelebt hat und nicht nur in der Theorie geblieben ist (Was wäre nur gewesen, wenn… Hätte ich nur…), sondern ganz praktisch losgelegt hat. Manchmal geht es schief, aber viel öfter geht es gut, und man fühlt dieses Kribbeln, das sich Leben nennt.
Wann man damit beginnen soll? Jetzt! Denn eines Tages wird aus Irgendwann ein Nie. Übrigens: Wenn wir nicht wissen, wo genau wir anfangen können, ist das japanische Konzept „Ikigai“ hilfreich: Das bedeutet übersetzt „Lebenssinn“ oder frei: das, wofür es sich zu leben lohnt. Und genau da darf man ganz praktisch anfangen, sich selbst ein paar Fragen zu stellen: Wofür stehe ich morgens auf? Warum tue ich das, was ich tue? Was will ich bewirken?
Um dem eigenen Ikigai näherzukommen, kann man sich vier Bereiche anschauen und ehrlich reflektieren, was dort für einen persönlich paßt und vor allem, wo sich Überschneidungen zeigen: Was liebe ich? Was braucht die Welt? Worin bin ich richtig gut? Wofür werde ich bezahlt?
Schreibt euch diese Fragen ruhig auf, macht euch Notizen, sammelt Gedanken, fragt euer Umfeld danach. Es geht nicht um perfekte Antworten, sondern um ehrliche. Die Reise zum persönlichen Ikigai ist nicht immer leicht und kann länger dauern. Wer es aber einmal gefunden hat, empfindet höhere Lebensfreude und Zufriedenheit!
Und dann geht’s ums Umsetzen. Ich komme aus Mannheim, da lautet das Motto: “Ned babbeln, sondern mache!” Die besten Ideen und Visionen bringen nichts, wenn sie im Elfenbeinturm verstauben. Das braucht eine Portion Mut – aber es wird sich garantiert auszahlen!
Liebe Gina Schöler, herzlichen Dank für das Gespräch, und weiterhin viel Erfolg bei Ihrer wertvollen Arbeit.
Das Gespräch führte
Michael Hoppe
Weitere Informationen:
www.MinisteriumFuerGlueck.de