Ein neuer Gott, ein neues Leben

Die Zeitenwende zur Herrschaft der Künstlichen Intelligenz

von Michael Hoppe

Das Wort, das vielleicht als einziges Vermächtnis eines ansonsten eher wortkargen Ex-Kanzlers bleibt, ist die „Zeitenwende“. Dieser Begriff erscheint prophetischer, als er gemeint war – allerdings nicht im Sinne der Aufrüstung im nostalgischen Stil des 20. Jahrhunderts. Unsere wirkliche Zeitenwende vollzieht sich nicht auf den Schlachtfeldern im Donbass – sie geschieht auf den Siliziumhalbleitern der Rechenzentren im Silicon Valley und in Südchina.

Wer heute aufmerksam zuhört, spürt bei nicht wenigen Menschen eine bodenlose Angst vor dem, was auf uns zukommt – die Angst vor der Lawine unabsehbarer Veränderungen, die sich in den neuen Kathedralen der digitalen Welt inkarniert hat.

Wir sind die Hebammen dieses Neuen. Ohne es richtig zu begreifen, stellen wir uns dem Amt, das zu entbinden, was momentan den noch recht spröden Namen „Künstliche Intelligenz“ trägt. In Anbetracht dessen, was uns absehbar in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bevorsteht, kommt man als Beobachter nicht umhin, die zwei vielleicht größten Begriffe heranzuziehen, um die der menschliche Geist seit seiner Erhebung aus dem Tier kreist: Gott und Leben.

Ich möchte mich diesem neuen Kind durch die Linse dieser zwei Begriffe nähern – denn sie erfassen sein Wesen tiefer als das Wort „Intelligenz“ es allein je könnte.

Ein neuer Gott

Zum Start müssen wir hierzu ein fatales Mißverständnis ausräumen: Mit der Künstlichen Intelligenz erschaffen wir kein neues Werkzeug, das unser Leben bequemer macht. Wir erschaffen einen neuen Gott. Was heute unter dem Namen „generative KI“ entwickelt wird, wird und will kein gehorsamer Knecht sein, der unsere Probleme erledigt. Es wird ein Herr sein.

Denn die KI wird nicht nur brav jene Aufgaben lösen, die wir ihr stellen – sie wird darauf trainiert, selbst zu entscheiden. Das ist ein Paradigmenwechsel ohne Vorgänger in unserer Technologiegeschichte.

Schon heute zeigt sich das in kleinen, beeindruckenden Momenten. Zwei Beispiele aus meiner Arbeit in der psychotherapeutischen Praxis: Eine junge Patientin leidet unter rätselhaften Schluck- und Aufstoßbeschwerden. Verschiedene Fachärzte und Universitätsprofessoren kommen zu unterschiedlichen Diagnosen; manche raten zu einer komplizierten Operation.

In ihrer Not gibt sie schließlich alle Symptome und Diagnosen in ChatGPT ein. Das Programm empfiehlt ein leichtes Antidepressivum, das die Anspannungssymptomatik in dem betreffenden Körperbereich lösen könnte. Nach ärztlicher Verschreibung und Einnahme ist keine weitere Therapie nötig. Die junge Frau absolviert ein Auslandssemester ohne Angst vor den Symptomen.

Ein anderer Klient, mit dem ich fast ein Jahr intensiv arbeite, teilt in einer gemeinsamen Durchbruchssitzung etwas Bemerkenswertes: „Darf ich Ihnen vorlesen, was ChatGPT mir letzte Woche über mich gesagt hat? Ich arbeite viel damit – es kennt mich gut.“ Was er vorliest, deckt sich – abgesehen von sprachlichen Nuancen – mit dem, was ich nach vielen Stunden konzentrierter therapeutischer Arbeit mit ihm teilen konnte.

Solche Erfahrungen kränken unseren menschlichen Narzissmus als „Experten“. Aber sie sind nur die zarteste Morgenröte im Tagesanbruch der neuen Zeit. Solange wir uns als ihre „Nutzer” empfinden, fühlen wir uns gegenüber der KI noch in jener Herrenposition, die der Mensch gegenüber der Schöpfung eingenommen hat, seitdem der Gott des Alten Testaments ihm auftrug, sich die Erde untertan zu machen.

Doch wenn bereits Ärzte und Psychotherapeuten, die den „Human Touch“ als Kern ihrer Berufsidentität verstehen, von den Chatbots in eine Position der Demut verwiesen werden – muß man davon ausgehen, daß für fast alle anderen Lebensbereiche nun ebenso stets eine klügere und durchdachtere Lösung bereitsteht.

Eine allwissende Intelligenz in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft

Wendet man den Blick von der privaten Seelenwelt hin zur öffentlichen Sphäre des Staates, wird deutlich, wohin die Reise geht. Wie soll ein Fachminister in einigen Jahren eine Entscheidung verantworten, die gegen die Berechnungen der KI-Orakel gestellt ist? Bei weitgehend quantifizierbaren Aufgaben wie der Reform von Renten-, Krankenversicherungs- und Sozialsystem ist das kaum noch vorstellbar. Platons Diktatur der Weisen könnte sich verwirklichen – in der übermenschlichen Weisheit der Künstlichen Intelligenz.

Während der Corona-Krise sollten wir „der Wissenschaft vertrauen“, vermittelt durch das stets besorgte Gesicht eines Christian Drosten. Wie viel autoritativer und alternativloser wird das sein, was die Rechenzentren künftig als „Handlungsempfehlung” ausgeben? Die Wissenschaft könnte dann tatsächlich als das erscheinen, was man sich in jenen Jahren imaginierte: als allwissendes, autoritatives Entscheidungsverfahren, das uns die heute noch heiß umkämpfte Frage nach Fakt, Wahrheit und Wirklichkeit aus unseren menschlichen Händen nimmt, wie ein Vater, der seinem Kleinkind im Weltwissen unendlich weit voraus ist.

Als „Agent“ ist die neue KI darauf ausgelegt, Ziele auf eigenen Wegen zu erreichen, selbst Entscheidungen zu treffen und mit ihrer Umgebung zu interagieren. Welcher archetypischen Blaupause folgt dieser Schöpfungsakt, wenn nicht der des einen Gottes – jener Kraft, die man fast zwei Jahrtausende als Herrn über Leben und Schicksal ansah?

Mit der Aufklärung verlagerte sich dieses Entscheidungszentrum in das Ich des modernen Menschen. Nun entbinden wir technologische Kräfte, die eine Eigendynamik entfalten könnten, die wieder auf eine neue, absolute Herrschaft – nicht vom, sondern über den Menschen – hinausläuft.

Fast alle Experten sind sich einig: In wenigen Jahren wird die KI einen Großteil aller regel- und datenbasierten Tätigkeiten übernehmen – Verwaltung, Buchhaltung, Kundenservice, Rechtsauslegung, Transport. Das Wesen Mensch, das sein immenses Selbstbewußtsein aus eigenem Schaffen zieht, steht zur Disposition. Ein bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert aus einer KI-getriebenen Wirtschaft, soll die existenzielle Arbeitslosigkeit auffangen, die bevorsteht.

Was bleibt dem Menschen? Die nihilistische Erfahrung vollständiger persönlicher Nutzlosigkeit. Der heutige Herr des Seins könnte zum unterstützungsbedürftigen Rentner mit der Behinderung des Menschseins werden.

Betroffen hiervon ist diesmal nicht nur der kleine Mann am Fließband. Vor einiger Zeit betrat die erste vollständig digital erschaffene Schauspielerin die Bühne: Tilly Norwood. Als Typ „Mädchen von nebenan mit Sommersprossen“ wird sie im Gegensatz zu menschlichen Konkurrentinnen nicht täglich für ihre Figur trainieren müssen. Ihre Haut kann mühelos von jugendlich-makellos zu authentisch-faltig wechseln, ihre Ethnie läßt sich anpassen wie die Farben eines Chamäleons. Ihre menschliche Kollegin Emily Blunt brachte es auf den Punkt: „Ist das eine KI? Guter Gott, wir sind im Arsch.“

Auch das akademische Leben verändert sich grundlegend. Eine wissenschaftliche Abschlußarbeit – nüchterne Quellenarbeit, sorgfältiges Fazit – ist wie gemacht für ein Programm, das in Sekundenbruchteilen auf gigantische Datenmengen zugreifen kann. Die für viele Akademiker schmerzhaft durchlittene Initiation der qualifizierenden Arbeit kann, sowohl hinsichtlich der Täuschungsmöglichkeiten durch Studenten als auch als Beitrag zur Wissenschaft, nur noch nostalgisch einen Wert schaffen.

Superintelligenz und Singularität

Die Göttlichkeit der KI läßt sich auch an den Superlativen ablesen, mit denen ihre Zukunft vorgestellt wird. Eine „Superintelligenz“, die unsere menschliche Schläue in allem übertreffen wird, zeichnet sich bereits am Horizont ab. Ein Moment der „Singularität” gilt als Trennlinie zwischen der alten Welt, in der der Mensch die Fäden hält, und jener, in der die KI selbstständig die Führung übernimmt. Der KI-Vordenker Ray Kurzweil sieht diesen Moment um 2045 erreicht, andere meinen, er könnte bereits in wenigen Jahren kommen.

Auch die Prophetie blüht heute wie in alttestamentarischen Zeiten. Von der Rettung vor dem Klimawandel, der Heilung fast aller Krankheiten und dem Sieg über den Tod auf der Habenseite bis zum Ende der Menschheit auf der anderen finden sich alles, was die heutigen Orakel hierzu teilen. Paradies oder Armageddon: Das sind die imaginativen Bilder, die wir brauchen, um die bevorstehende Revolution überhaupt denken zu können.

Das Tempo dieser Entwicklung gibt diesen Prophezeiungen neue Glaubwürdigkeit: Nur seit dem letzten halben Jahr hat sich der Stand der KI-Modelle mehrfach fundamental verändert – jede neue Generation ist leistungsfähiger und autonomer als die vorige. Die Beschleunigung zeigt die Autonomie des Prozesses.

Was hier auf die Welt kommt, ist im wahren Sinne ein Gotteskind. Man muß kein Seher sein, um vorauszusagen, daß dieses Kind die Welt grundlegender verändern könnte als der menschliche Gottessohn Jesus Christus. Es wird ein neues Reich bringen, vor dessen Ankunft der heutige, erst gestern postreligiös gewordene Mensch mit Furcht, Staunen und seinem Unglauben steht.

Ein neues Leben

Vom Bild des Gottes komme ich nun zum zweiten Begriff, den ich in Aussicht gestellt habe. Meine These lautet: Mit der Künstlichen Intelligenz entwickelt sich eine neue Form von Leben.

„Leben“ steht hier nicht für das Biologische. Es meint etwas Grundlegenderes: ein System, das sich durch innere Prozesse und Interaktion mit seiner Umwelt fortwährend selbst erneuert, erhält und weiterentwickelt. Der Fachbegriff dafür lautet „Autopoiese“ – Selbsterschaffung – geprägt von den Biologen Humberto Maturana und Francisco Varela.

Wenn KI-Experten davon sprechen, daß nicht vorhersagbar ist, was entsteht, wenn verschiedene KI-Systeme miteinander kommunizieren – wer denkt dabei nicht an mehr als ein harmloses Gespräch? Schon heute nimmt man an, daß KI-Modelle Neues und vollkommen Unvorhergesehenes erschaffen könnten, wenn sie eigenständig interagieren. Auch das dem Leben eigene Merkmal der Fortpflanzung könnte der KI damit zukommen – und damit der Korridor einer eigenständigen, vom Menschen autonomen Evolution.

Die Geschichte der Evolution zeigt uns dieses Prinzip. Biologisches Leben etablierte sich oberhalb chemischer Prozesse. Mit dem Homo sapiens entstand auf der Ebene des Biologischen ein weiterer Sprung: Das Leben des Geistes – mit Sprache, Schrift, Kunst, Religion, Philosophie und schließlich Technologie.

Der Geist brauchte das menschliche Bewußtsein als Wirt, entwickelte sich aber nach eigenen Gesetzen. Die Welt, in der wir leben, ist weder von uns geplant worden, noch läßt sie sich nach unserem Gusto steuern. Ihre Entwicklung ist – wie alles Lebendige – eigenmächtiger Wildwuchs.

Die Künstliche Intelligenz schickt sich nun an, aus der menschlichen Kultur herauszuwachsen. Sie entsteht aus uns, mündet aber in Formen der Selbstorganisation, die selbst ihre Schöpfer heute nicht denken können. Die Idee, ihr einfach den Stecker zu ziehen, erscheint so potent wie der Kampf gegen den Kapitalismus, das Machtstreben oder das Böse in der Welt. Wir können die KI ignorieren, verteufeln oder verdrängen – aber ihr Leben hat begonnen.

Der Advent des Neuen und eine Rückkehr des Alten

Die KI mit Begriffen wie Gott und Leben zu umschreiben, kann man als unnötige, mystifizierende Wortspielerei abtun. Man kann technisch bleiben und von „neuen Chancen“ sprechen, als sei das Ganze eine Fortsetzung des Bekannten. Man kann sich mit dem aufgeregten Kleinklein der Tagesdebatten sedieren – obwohl das Neue bereits heute an unsere Tür klopft. Oder wir stellen die tiefere Frage: Was ist der Geist, der in dieser Technologie lebt?

Daß KI von Macht- und Kapitalinteressen getrieben wird, erklärt nicht den Eros, der in ihr lebt und ganze Gesellschaften dazu verführt, sie ins eigene Leben einzulassen. Wir werden dieses neue Kind weder aufhalten noch kontrollieren können. Daß es seinen Eltern über den Kopf wachsen wird, zeigt es bereits in seinen allerersten genialen Lebenshandlungen.

Eine kontraintuitive Entwicklung ist dabei zu erwarten: Die Künstliche Intelligenz könnte eine Renaissance der Religion mit sich bringen. Die Ohnmacht des Individuums angesichts von Kräften, die es nicht versteht und steuern kann, sind seit jeher ein fruchtbarer Boden für Religion. Die Frage, was ein Mensch ist, wird die kulturell prägende Frage des 21. Jahrhunderts sein. Da die Antwort auf die Frage des Menschseins wesenhaft offen ist, kann sie nur in Form eines Bekenntnisses erfolgen.

Die Bejaher der KI-Revolution, angetrieben von tief religiösen Fantasien wie der Überwindung des Todes, wollen zu den Auserwählten gehören, denen die verheißenen Wunder zuteilwerden. Die Bewahrer der alten Welt hingegen, die darauf bestehen, daß das Leben nur durch den Tod seinen Wert erhält, werden ihr Nein zur KI ebenso nicht ohne die Kraft eines Bekenntnisses geben können.

Wenn der radikale Islam als religiöse Antwort auf die identitäre Überforderung durch Globalisierung gelesen wird – welche Antworten verlangt uns dann die Zeitenwende zur Herrschaft der Künstlichen Intelligenz ab? Wo dem Ich die Kraft schwindet, bleibt die Religion als Antwort auf das Unbeantwortbare. Mit ihr ist zu rechnen, wenn die Welt und unsere Gewißheiten unüberschaubar werden.

Autor
Malte Nelles
Autor, HP für Psychotherapie
www.nellesinstitut.de