Go wild! Autarker werden mit Superfoods vor der eigenen Haustür.

Interview mit der Autorin und Ernährungsexpertin Barbara Simonsohn

von Michael Hoppe

Barbara Simonsohn hat eine beeindruckende Vita vorzuweisen. Die studierte Sozialwissenschaftlerin lebte 10 Jahre bei der Findhorn-Gemeinschaft im Norden Schottlands, den Pionieren der nachhaltigen Landwirtschaft, und arbeitete in deren Garten. In dieser Zeit lernte sie auch ganzheitliche Heilmethoden kennen. Regelmäßig reist die Hamburgerin nach Indien, wo sie meditiert und ehrenamtlich als Englischlehrerin für Waisenkinder arbeitet; außerdem fördert sie Moringa-Projekte und hat im Rahmen ihrer Entwicklungsarbeit auf Haiti Fruchtbäume gepflanzt und Bio-Gärten angelegt.
Heute ist Barbara Simonsohn eine gefragte Expertin und Bestsellerautorin für Ernährungs- und Gesundheitsthemen. Ihr Spezialgebiet sind Superfoods, d.h. natürliche Lebensmittel, die den Körper optimal versorgen. Ihre Ratgeberbücher haben inzwischen eine Auflage von über 500.000 Exemplaren erreicht.

Liebe Frau Simonsohn, Sie sind ja bekannt geworden durch Bücher über exotische Superfoods wie Ananas, Chia und Baobab. Jetzt schreiben Sie über bekannte heimische Pflanzen wie Brennnessel und Löwenzahn. Warum?

Barbara Simonsohn: Mein Verleger, Herr Mankau, fragte mich letztes Jahr, ob ich einen Kompaktratgeber schreiben könnte über Cat Claw, die Katzenkralle, die im Amazonas-Regenwald wächst. Meine spontane Antwort war: »Schon wieder ein Exot? Nein. Überlassen wir die Heilkräuter des Regenwaldes den Indigenen. Ich schreibe jetzt nur noch über heimische Superfoods!«. An was ich denn da so dächte? Spontan sagte ich »Brennnessel«. Und so ist mein Buch entstanden über die Brennnessel, »Heilpflanze des Jahres 2023«, was damals natürlich nicht bekannt war. Und ich stehe dazu: Wir haben so viele endemische Power-Pflanzen bei uns, die nichts kosten außer etwas Zeit zum Sammeln und Verarbeiten, »denn das Gute liegt so nah«, wie Goethe es ausdrückte.

Warum finden Sie das Sammeln von Wildkräutern gerade in dieser Zeit so wichtig?

Barbara Simonsohn: Für mich sind Pflanzen wie Brennnessel und Löwenzahn Pflanzen der Neuen Zeit, die wir gerade jetzt sehr gut gebrauchen können. Seit diversen Eiszeiten stehen sie uns zur Seite und sind vielleicht noch nie so not-wendig gewesen wie gerade jetzt. Wer weiß, ob wir nicht einmal wieder einer Zeit von Nahrungsmangel entgegensehen. Das Eis, auf dem unsere Zivilisation gebaut wurde, ist sehr dünn. Es braucht nur ein E-Werk gehackt werden, schon droht ein Blackout, die Lieferketten sind unterbrochen, und es gibt dann keine Lebensmittel mehr zu kaufen – alles hängt von Strom ab. Mit nährstoffreichen Wildpflanzen, die etwa das 10-fache an Vitalstoffen enthalten wie unser verzüchtetes Kulturgemüse, sind wir dann auf der sicheren Seite. Brennnessel und Löwenzahn gibt es fast rund ums Jahr, und in den wenigen Wochen, wo nichts grünt, können wir die Wurzeln ernten und daraus Gemüse kochen.

Was ist am Löwenzahn so besonders? Ihr Buch »Löwenzahn« erscheint ja im März 2023, wenn die ersten Blätter und Knospen treiben.

Barbara Simonsohn: Löwenzahn hilft physisch und seelisch bei Streß, dem »Dämon« unserer Zeit. Die Pflanze leitet Umweltgifte aus, schützt vor den Haupttodesursachen Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs, und auch vor Infektionskrankheiten, sogar Corona. Für mich ist Löwenzahn ein Freund, auf den jederzeit Verlaß ist, und mit dem wir auch in bewegten Zeiten seelisch und körperlich Oberwasser behalten. Gleichzeitig schützt diese potente Heilpflanze vor Demenz und Alzheimer und läßt uns gesund alt werden.
Löwenzahn kann uns sogar vor seelischen Altlasten befreien und bietet daher Heilkraft für Körper UND Seele. Als »Goldblume« ziert der Löwenzahn den früheren 500-DM-Schein und den neuen 50-Schweizer-Franken-Schein. In Großbritannien findet man Löwenzahn in der Tiefkühltruhe jedes Bioladens und in Frankreich als Gemüse auf jedem Wochenmarkt.

Warum brauchen wir in Ihren Augen »Superfoods«?

Barbara Simonsohn: Unsere Ernährung ist vitalstoffarm und kalorienlastig. Wir verhungern sozusagen an vollen Töpfen. Damit handeln wir uns alle möglichen »hausgemachten« Zivilisationskrankheiten ein: Diabetes Typ II, Bluthochdruck, das metabolische Syndrom, Rheuma, Arthrose, Krebs, Gicht – um nur ein paar zu nennen. Leider auch seelische Erkrankungen! Hinter einer Angststörung kann zum Beispiel ein Zinkmangel stehen. Die Züchtungsziele unserer Nutzpflanzen, auch im Bio-Sektor, haben mit Gesundheit nichts zu tun, sondern mit Schönheit, Haltbarkeit, Geschmack und Lagerfähigkeit.
Superfoods, die vitalstoffreich und möglichst wild oder züchterisch nicht bearbeitet sind, sind hier die Rettung. Sie versorgen uns mit dem, was wir in unserer Zivilisationskost zu wenig haben. Wer ißt schon die empfohlenen 5 Portionen Gemüse und Obst pro Tag? 87 Prozent der Deutschen tun es nicht. Neuere Meta-Studien haben ergeben, daß wir für eine optimale Gesundheitsvorsorge sogar 10 (!) Portionen Gemüse und Obst täglich bräuchten. Ich kenne niemanden, der das macht.

Und was macht Löwenzahn zu einem »Superfood«?

Barbara Simonsohn: Löwenzahn hat 5-mal so viel Betacarotin wie Kopfsalat, 9-mal so viel Vitamin C wie dieser, 5-mal so viel Vitamin E, 9-mal so viel Calcium, 4-mal so viel Magnesium, doppelt so viel Kalium, 7-mal so viel Vitamin K, 3-mal so viel Eisen, 5-mal so viel Eiweiß wie Kopfsalat, und außerdem 10-mal so viel Folsäure wie die gleiche Gewichtsmenge Rindfleisch. Löwenzahn liefert eine Fülle an Antioxidantien, die freie Radikale aus dem Verkehr ziehen, reduziert einen zu hohen Cholesterinspiegel, reguliert den Blutzuckerspiegel, senkt einen zu hohen Blutdruck, fördert die Entgiftung auch von Schwer­metallen, hilft dabei, ein gesundes Gewicht zu halten, reduziert das Risiko für Krebs, und die Bitterstoffe in den Wurzeln ziehen sogar Krebszellen aus dem Verkehr. Löwenzahn wirkt als Immunbooster, stärkt Knochen, Haare und Nägel, fördert eine gesunde Verdauung und schützt die Haut vor Schäden durch UV-Strahlung. All diese Wirkungen sind durch wissenschaftliche Studien belegt.

Das klingt ja wirklich beeindruckend. Warum geht man dann nicht einfach raus und sammelt Löwenzahn? Er wächst ja überall.

Barbara Simonsohn: Das ist eine gute Frage! Ich hoffe, mein Buch wird genau das bewirken: daß man die Schätze der Natur wieder wertschätzt, wie unsere Vorfahren, und dankbar ist, daß Mutter Natur uns so reich beschenkt. Wenn ich Wildkräuter wie Brennnessel und Löwenzahn sammle, fühle ich mich meiner Mutter und Großmutter verbunden, die beide pflanzen- und kräuterkundig waren als »wise fru«, wie wir es im Norden auf plattdeutsch sagen, weise Frauen. Aber nicht nur ihnen, sondern meinen Ahnen insgesamt. Millionen von Jahre waren wir auf die Schätze der Natur angewiesen, weil es keine Landwirtschaft und damit auch keine Feldfrüchte gab und wir auch noch keine Obstbäume »veredelt« hatten. Die Landwirtschaft wurde erst vor etwa 10.000 Jahren erfunden, vorher waren wir Sammler und Jäger.
Wir stellen uns die Menschen der Steinzeit vor, als hätten sie ständig Krisen und Notzeiten zu bewältigen gehabt. Was aber, wenn wir als Sammler und Jäger ein meist entspanntes Leben in Fülle geführt haben und auch im Winter wohlgenährt und gesund waren? Durchschnittlich sechs Stunden, so die Wissenschaft, brauchten die Menschen der Urzeit zur Sicherung ihrer Existenz, zum Sammeln, Jagen und Herstellen von Kleidung und Werkzeugen. Wenn wir heute bei uns die 30-Stunden-Arbeitswoche forderten, würde man uns mit Sicherheit als weltfremden Spinner betrachten. Die Menschen der heutigen Zeit wären außerdem mit dem Leben in und aus der Natur komplett überfordert.

Was erleben Sie beim Kräutersammeln? Wie lassen sich auch andere dazu motivieren?

Barbara Simonsohn: Vielleicht liegt es an meiner Blutgruppe 0 – das war die erste Blutgruppe der Sammler und Jäger –, daß ich die Zeit in der Wildnis und beim Kräutersammeln und -konservieren als eine Gelegenheit zur tiefen Verbindung mit meiner Herkunft und meinen Vorfahren erlebe. Ich fühle mich verbunden mit der Natur und meinen Vorfahren jenseits von Zeit und Raum – und dadurch mit meiner eigenen Natur als Teil der großen. Wenn ich Kräuter erkenne, esse und sammle, mache ich mich selbst »einheimisch«, meiner Heimat vertraut. Der »Pflanzendoktor« George Washington Carver sagte einmal: »Pflanzen werden zu dir sprechen und dir ihre Geheimnisse verraten – vorausgesetzt, du liebst sie genug.«
Wir sind der Natur, und damit auch unserer eigenen, entfremdet. Wenn wir uns mit der Natur und ihren Kreaturen auf tiefer Ebene verbinden, ist das Psychotherapie. Das sagt uns die Tiefenökologie. Erst was wir kennen, schätzen wir, und was wir schätzen und lieben, schützen wir auch. Ich gerate manchmal fast in eine Art Ekstase, daß die Natur – die wir mißhandeln – uns immer noch so reich beschenkt. »Was du säst, wirst du ernten.« Wenn wir Wildpflanzen ernten, haben wir nicht vorher gesät! Manchmal überkommt mich ein überwältigendes Gefühl der Dankbarkeit. Von »Vater Staat« haben wir nicht viel zu erwarten, sehr wohl aber von Mutter Natur.

Warum stehen dann Wildpflanzen bei den meisten nicht hoch im Kurs, werden als »Unkräuter« betrachtet?

Barbara Simonsohn: Für Rudolf Steiner gab es keine Unkräuter, er kannte nur Beikräuter und nannte die Brennnessel »Königin der Beikräuter«. Er ist aber eine Ausnahme, war in vielem seiner Zeit voraus. Für die meisten gilt: Allzu Vertrautes erntet Verachtung. Im Englischen sagt man »familiarity breeds contempt.« Es hat schon eine gewisse Ironie, daß wir die gesunden, heilkräftigen und vitalstoffreichen Wildkräuter mit fast allen Mitteln bekämpfen, um Platz zu schaffen für Minderwertiges. Der berühmte Kräuter-Pastor Johann Künzle sagte: »Wenn die Menschen das »Unkraut« nicht nur ausreißen, sondern einfach essen würden, wären sie es nicht nur los, sondern würden auch noch gesund.«

Sie sagten, die Brennnessel sei die »Heilpflanze des Jahres 2023«. Können Sie als Autorin eines Buches über diese Heilpflanze sagen, warum? Was macht die Brennnessel so besonders?

Barbara Simonsohn: Die Brennnessel ist tatsächlich ein Wunderkraut für Gesundheit, Küche und Schönheit. Sie enthält 30-mal so viel Chlorophyll wie Kopfsalat und mehr als jede andere heimische Pflanze, 50-mal so viel Eisen wie Kopfsalat und doppelt so viel wie Rindfleisch, 6-mal so viel Vitamin C wie Zitronen, 5-mal so viel Protein wie Avocados, 40 Prozent mehr Eiweiß als Soja, ein mehr als Dreifaches antioxidatives Potential wie Vitamin E, doppelt so viele Ballaststoffe wie Spinat, 6-mal so viel Kalzium wie Spinat, 7-mal so viel Magnesium wie Kopfsalat, zehn Mal so viel Folsäure wie Rindfleisch. Außerdem hat sie den höchsten Gehalt an löslicher Kieselsäure von allen Pflanzen!
Sie wirkt als »Feuerlöscher« gegen freie Radikale, lindert Menstruationsprobleme und Wechseljahrsbeschwerden, füllt unseren Eisenspeicher wieder auf, beugt der gefürchteten Prostatavergrößerung vor, wirkt gegen Viren, Bakterien, Parasiten und Pilze, bremst Haarausfall und sorgt für kräftiges gesundes Haar, wirkt stimmungsaufhellend und hält das Gehirn jung, hilft bei Akne und Neurodermitis und beugt Erschöpfung und Burnout vor. Als Mars-Pflanze schenkt sie uns Willenskraft, Durchhaltevermögen und Resilienz. Sammeln Sie die Blätter und Samen, trocknen Sie sie bei Rohkosttemperatur, und mahlen sie das Ganze jede Woche frisch in der Kaffeemühle. Zwei Teelöffel in Wasser eingerührt, und Sie haben ein wundervolles schmackhaftes Nahrungsergänzungsmittel.

Es ist beeindruckend, was direkt vor unserer Nase wächst, während wir an sich heimische »Naturprodukte« aus fernen Ländern importieren, wie etwa Äpfel aus Neuseeland oder Tomaten aus China. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß diese oft chemisch »behandelt«, unreif geerntet und teilweise regelrecht denaturiert sind. Hier bedarf es tatsächlich dringend eines Bewußtseinswandels. Und derzeit erleben wir ja, wie schnell internationale Lieferketten unterbrochen werden können. Was würden Sie unseren Lesern noch mit auf den Weg geben?

Barbara Simonsohn: Verbünden Sie sich mit der Natur, dann wird die Natur Sie mannigfaltig unterstützen. Seien Sie nicht mit weniger als strahlender Gesundheit zufrieden, ein Zustand, in dem Sie die ganze Welt umarmen möchten. Wertschätzen Sie heimische Heilpflanzen. Wenn Sie sie nutzen, ist es so, als wenn der endlich ersehnte Sommerregen auf ein ausgedorrtes Stück Land fällt. Der Mensch blüht auf und kommt wieder »back to balance«, zurück ins Gleichgewicht.

Liebe Frau Simonsohn, wir danken Ihnen herzlich für das interessante Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin alles Gute bei Ihrer wichtigen Aufklärungsarbeit.

Das Interview führte
Michael Hoppe

Weitere Informationen
Barbara Simonsohn, »Brennnessel.
Das Wunderkraut für Gesundheit,
Küche und Schönheit«, Kompaktratgeber,
Mankau-Verlag, 12 Euro.
Ab 1.3.: »Löwenzahn«, Kompakt-Ratgeber, Mankau-Verlag, 12 Euro.
Wildnispädagogik-Ausbildung:
www.wildniswissen.de
www.heilpflanzenschule.de
www.wildkraeuterkurs.de

 

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