Der Lehrer als Psychologe, Seelsorger und Lebensbegleiter

Ein Beitrag des Autors und Gymnasiallehrers Peter Maier

von Michael Hoppe

Mehr als zwei Jahre lang hielt uns die Corona-Krise in Atem. Auch wenn das Homeschooling längst kein Thema mehr ist, so war die monatelange Unterrichtssituation für Lehrer* und Schüler gleichermaßen belastend, wenn man nur an die häufigen Schnelltests und die Maskenpflicht denkt. Mit Recht sollten die Schulen schon um fast jeden Preis am Laufen gehalten werden, um zu große Isolation der Schüler zu verhindern.

Auch wenn die Corona-Maßnahmen die Schulen mächtig durcheinandergewirbelt haben, so erkennen manche Bildungspolitiker darin zumindest einen sehr positiven Nebeneffekt: Die Digitalisierung des Schulbetriebs – das Lehren und Lernen – erhielt trotz anfänglicher Schwierigkeiten einen kräftigen Schub nach vorne, was ohne Corona sicher viel länger gedauert hätte. Die Digitalisierung von Unterrichts- und Arbeitsmitteln brachte jedoch unvermeidlich auch eine veränderte Rolle für den Lehrer mit sich: als Organisator und Manager des Lernbetriebs und als Lernbegleiter.

Die Pandemie spielte sicher Bildungspolitikern und Bildungsjournalisten in die Hände, die Ideen und Kriterien, die in der Industrie und Wirtschaft üblich und dort wohl auch nötig sind, gerne auf den Schulbereich übertragen wollen. Das, was in den Schulen geschieht, soll ebenfalls meßbar, vergleichbar, operationalisierbar, steuerbar, kontrollierbar und möglichst effizient sein.

Gesamtmenschliche Lebensbegleitung

Diese Neuausrichtung von Bildung und Schule begeht aber einen entscheidenden Fehler: Die „Klientel“, mit der es wir Lehrer tagein, tagaus zu tun haben, sind Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung, die keine Lernmaschinen und keine mit digitalen Arbeitsmitteln und Unterrichtsmethoden zu formende Werkstücke sind. Es sind vielmehr offene menschliche Wesen mit Bedürfnissen, Sorgen und Nöten, die Beachtung, Zuwendung, Ermutigung und Bestätigung brauchen – gerade jetzt am Ende der Pandemie. Nötig sind vielmehr eine feinfühlige Bindungsbildung, ein tiefergehendes Bemühen um Psychologie und Seelsorge und insgesamt eine gesamtmenschliche Lebensbegleitung der uns anvertrauten Schüler.

Diese eher „weichen“ Kriterien der Pädagogik sind kaum meßbar, sind aber im Schulalltag ebenso wichtig und notwendig wie sichtbare „harte“ Kriterien: wie etwa digitalisierte Arbeitsmittel (Tablets, Whiteboards, Internetanschluß usw.).

Diese weichen Kriterien sind jetzt besonders gefragt und sollten auch in der Lehrerbildung viel mehr berücksichtigt werden. Ein Pädagoge sollte zumindest einige psychologische Grundkenntnisse besitzen – für den Unterricht, aber auch im Umgang mit den Eltern etwa in Sprechstunden. Wie schwierig die Kommunikation mit Schülereltern bisweilen ist, kann folgender – heutzutage gar nicht so seltener – Fall eindrucksvoll belegen. Eine erfahrene Kollegin erzählte mir diese Geschichte:

Sylvia* (Name geändert) – das traurige Mädchen

„Ich unterrichtete Sylvia im Fach Englisch in der 9. Klasse. Sie war eine gute Schülerin, die in der Regel engagiert mitarbeitete. Zum Halbjahr fielen ihre Leistungen in schriftlichen Arbeiten jedoch unerwartet in den Keller. Zudem meldete sie sich überhaupt nicht mehr und wirkte meistens ziemlich traurig und bedrückt. Als sie in der nächsten Schulaufgabe Note fünf bekam, frage ich sie, was mit ihr los sei. Da begann sie zu weinen: Ihre Eltern hätten sich bereits vor einem Jahr getrennt, und sie vermisse ihren Vater immer mehr. Aber ihre Mutter würde nicht wollen, daß sie den Vater öfter treffe.

Etwa vier Wochen später kam der Vater, ein Ingenieur, in die Sprechstunde zu mir, um sich über den Leistungsstand seiner Tochter Sylvia zu erkundigen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, daß er sich sehr um seine beiden Töchter – um Sylvia und ihre jüngere Schwester – kümmern und wesentlich mehr Geld für sie zahlen würde, als er laut Unterhaltstabelle zahlen müßte. Dennoch verhindere seine Ex-Frau einen regelmäßigen Kontakt zu seinen Töchtern, und er wurde zudem von ihr bei ihnen nur schlecht gemacht.

Zwei Wochen später tauchte dann die Mutter, die offensichtlich von dem Besuch ihres Ex-Mannes erfahren hatte, ebenfalls in meiner Sprechstunde auf. Sie erkundigte sich gar nicht erst nach dem Leistungsstand ihrer Tochter, sondern ließ sofort eine richtige Wuttirade über den Vater von Sylvia los. Sie teilte mir mit, daß sie gerade gerichtlich versuchen würde, das alleinige Sorgerecht zu bekommen, weil der Einfluß des Vaters für ihre Tochter angeblich verheerend sei. Diesen Eindruck hatte ich jedoch bei dem Besuch des Vaters nicht bekommen – ganz im Gegenteil. Er kümmerte sich wirklich rührend um seine Tochter. Seine Bemühungen wurden aber von seiner Ex-Frau sehr behindert und regelrecht torpediert.

Ich teilte Sylvia danach mit, daß ihre beiden Eltern nacheinander bei mir in der Sprechstunde gewesen seien. Dies war ihr aber schon bekannt, da ihre Mutter zu Hause fast von nichts anderem mehr sprach. Gegen ihre Mutter konnte sie offensichtlich nicht ankommen, sie war in den totalen Rosenkrieg ihrer Eltern geraten, dem sie ohnmächtig ausgeliefert war. Im Unterricht war sie völlig in sich versunken und sagte gar nichts mehr. Sie tat mir furchtbar leid. Daraufhin bat ich die Mutter erneut in die Sprechstunde zu mir und teilte ihr schonungslos mit, welch schlimme Auswirkungen der Rosenkrieg der Eltern auf Sylvia hätte und daß sie ihr als Mutter den Vater doch nicht vorenthalten könne.

Zunächst mußte ich mir von der aufgebrachten Mutter jedoch einige wütende Äußerungen anhören – etwa daß ich doch gar keine Ahnung hätte, wie schlimm ihr Ex-Mann wirklich sei. Ich bekam also eine gehörige Portion Wut und Aggression der Mutter ab. Ich versicherte ihr dann, daß ich mich in keiner Weise in die Beziehung zwischen ihr und ihrem Ex-Mann einmischen wolle, daß ich aber erlebe, wie schlecht es Sylvia ging. Dies mache mir große Sorgen. Ich bat die Mutter daher, um der Liebe zu ihrer Tochter willen, ihren Konflikt mit ihrem Ex-Partner hintanzustellen. Zum ersten Mal hatte ich jetzt das Gefühl, mit diesem Argument die aufgebrachte und energische Mutter überhaupt erreichen zu können. Sie begann, nachdenklich zu werden und teilte mir mit, daß auch sie sich schon Sorgen um Sylvia machen würde. Ich bat sie nochmals eindringlich, Sylvia den Kontakt zu ihrem Vater zu erlauben und ihn nicht im Beisein der Töchter schlecht zu machen.

Bald darauf ging das Schuljahr zu Ende. Aufgrund der guten Leistungen im ersten Halbjahr schaffte Sylvia die Klasse gerade noch und wurde in die nächsthöhere Klasse versetzt. Ich hatte sie im folgenden Schuljahr nicht mehr im Unterricht. Von Kollegen konnte ich jedoch erfahren, daß es Sylvia offensichtlich wieder besser ging.“

Reflexion

Solch ein Fall ist heutzutage leider keine Ausnahme. In manchen Klassen lebt ein Viertel oder gar ein Drittel der Schüler bei nur einem Elternteil, weil die Eltern getrennt sind. Sicher finden viele getrennte Eltern einen Modus, daß ihre Kinder einen regelmäßigen Zugang zu beiden Elternteilen haben können. Die gemeinsame (Für)Sorge ist vielen Eltern also weiterhin ein Herzensanliegen. Die Probleme und Verhältnisse der Eltern können nicht unsere Sache als Lehrer sein. Wir sind aber dann damit konfrontiert, wenn sich die Eltern, wie im vorliegenden Fall, in einem Rosenkrieg befinden und die Kinder dies ohnmächtig ertragen müssen und verständlicherweise sehr darunter leiden. Kinder wollen in den meisten Fällen einen guten Kontakt zu beiden Eltern haben. Wenn sie dauerhaft von einem Elternteil getrennt sind, empfinden dies manche Schüler wie den „halben Tod“ dieses Elternteils.

Betrachtet man das Verhalten der involvierten Lehrerin, so hat sie meiner Ansicht nach vieles richtig gemacht. Sie hatte offensichtlich ein gutes Gespür für ihre Schülerin: Sie konnte wahrnehmen, daß es Sylvia nicht gut ging. Daher sprach sie das Mädchen an und bekam die wichtige Information über das Getrenntsein ihrer Eltern und das Verhalten ihrer Mutter. So war die Pädagogin vorbereitet, als zuerst der Vater und dann die Mutter zu ihr in die Sprechstunde kamen.

Entscheidend war, daß sie nicht Partei für Vater oder Mutter ergriff, sondern dabei immer die Situation von Sylvia im Blick behielt. Beim zweiten Treffen mit der Mutter tat sie das einzig Richtige: Sie sagte ihr, daß Sylvia von dem Rosenkrieg der Eltern belastet würde und Kontakt auch zum Vater wünsche. Sie ergriff also eindeutig Partei für die Schülerin. Dies war ein Risiko, denn sie bekam zunächst Aggressionen der Mutter ab, die ihr nicht gehörten. Trotzdem konnte sie ruhig und klar bleiben. Das bewirkte schließlich ein Umdenken bei der Mutter.

Betrachtet man den „Fall“ mit etwas Abstand, so mußte die Lehrerin mehrere Rollen einnehmen. Gegenüber der anfänglich rabiaten Mutter war sie als Psychologin gefragt. Sylvia dagegen brauchte sie als einfühlsame Seelsorgerin und Begleiterin in einer schwierigen Lebenssituation. Beides hat die Kollegin gemeistert, daher gebührt ihr mein voller Respekt.


Der Lehrer als mitfühlender Mensch und Seelsorger

Der folgende Fall ist wohl kniffliger. Schüler wünschen sich, daß ihr Lehrer auch empathisch ist, sie wollen im Lehrer vor allem einen mitfühlenden Menschen vor sich haben. Dies kann der folgende Fall recht eindrucksvoll belegen, den mir ein Münchner Lehrerkollege kürzlich geschildert hat:

Alyse* (Name geändert): Mein Bruder liegt im Sterben

„Ich war Klassenleiter in einer 9. Klasse mit 31 Schülern. Ein Mädchen, Alyse, mit türkischen Wurzeln, war in letzter Zeit sehr traurig. Dennoch wußte ich zunächst nicht, warum. Eine Ethikkollegin gab mir den Hinweis, daß der Bruder von Alyse schwer erkrankt sei und daß sie das ziemlich stark belasten würde. Auch mehreren ihrer Freundinnen in der Klasse würde es sehr zusetzen. Was sollte ich tun?

Zunächst sprach ich mit Alyse allein und erfuhr, daß ihr älterer Bruder, auf dem die Hoffnungen der ganzen Einwandererfamilie ruhten, seit zwei Jahren Krebs habe und jetzt im Sterben liege. Ihre ganze Familie sei deshalb in tiefer Sorge, ja in Panik. Einige Kameradinnen in der Klasse wüßten bereits Bescheid über die Situation ihres Bruders, viele aber nicht. Dies belaste mittlerweile auch ihre Freundinnen, und einige andere in der Klasse würden bereits über sie tuscheln. Daraufhin fragte ich sie, ob sie ihre Situation im geschützten Raum der Klasse ansprechen wolle. Dies bejahte sie ausdrücklich.

Also verzichtete ich am nächsten Tag auf den Fachunterricht und sagte, daß Alyse ein großes Problem habe, sie dieses jedoch jetzt selbst erzählen wolle und die Klasse um Verständnis dafür bitte. Sofort entstand in der Klasse eine Atmosphäre von Betroffenheit und gespannter Aufmerksamkeit. Ich bat nun Alyse, möglichst konkret von ihrer Situation zu Hause zu erzählen. Eine Freundin hielt ihr während der Erzählung die Hand. Alyse sagte unter Tränen, daß ihr geliebter Bruder im Sterben liegen würde und daß sie große Angst um ihn habe. Sie wisse gar nicht, wie sie damit umgehen und wie dies in ihrer Familie verarbeitet werden solle.

Ihre Erzählung dauerte knapp zehn Minuten lang. Danach dankte ich Alyse öffentlich für ihren Mut. Erst jetzt fiel mir auf, daß weitere zwei Jungen und drei Mädchen ebenfalls zu weinen begonnen hatten. Was war los mit ihnen? War ihnen womöglich die Situation ihrer Mitschülerin so unter die Haut gegangen?

Dann bat ich die Klasse, daß jeder, der möchte, sich zu Alyse äußern sollte. Dazu verwendete ich einen sogenannten „Sprechball“. Wer den Ball hatte, war dran und konnte etwas sagen. Alle andren mußten dann schweigen. Wer nichts sagen wollte, konnte den Ball auch kommentarlos weitergeben. Bis auf einen Jungen äußerten sich alle Klassenmitglieder nacheinander. Viele drückten dabei Alyse einfach ihr Mitgefühl aus und dankten ihr für ihren Mut, sie über so etwas Persönliches in ihrer Familie informiert zu haben. Andere wünschten ihr viel Kraft, die ganze Situation durchzustehen.

Aber es passierte noch etwas Anderes: Zehn Mädchen und Jungen bekannten, daß sie der Fall von Alyse zugleich an Todesfälle oder Situationen schwerer Erkrankungen in ihrer eigenen Familie oder in ihrem engsten Freundeskreis erinnern würde. Ein Junge erzählte, welche Ängste er vor einer Operation zwei Jahre zuvor ausgestanden hatte. Ein Mädchen weinte, weil sie an den tödlichen Verkehrsunfall eines engen Freundes vor einem Jahr erinnert wurde. Mehrere mußten durch Alyses Erzählung an den Tod ihrer Großeltern denken.

Es entstand eine so dichte Atmosphäre wie sonst nie in der Klasse. Alle hörten einander mit großer Aufmerksamkeit und Würde zu und gaben Alyse bestärkende Worte mit. Selten habe ich eine Klasse so offen und mitfühlend miteinander erlebt wie diese. Auch ich als Lehrer war betroffen und berührt zugleich und war froh, daß ich den Mut gehabt hatte, diese Stunde zu ermöglichen. Sie hätte auch schiefgehen und ganz anders verlaufen können.

Vier Wochen nach dieser Stunde starb Alyses Bruder. Sie war eine Woche lang zu Hause. Mehrere Mitschüler nahmen an der Beerdigung teil. Als Alyse wieder zum Unterricht kam, war sie in Trauer, aber dennoch gefaßt. Ich glaube, die Stunde vier Wochen zuvor hat sehr dazu beigetragen, daß Alyse und ihre Klasse mit dieser belastenden Situation besser umgehen konnten.“

Reflexion

Mir ist klar, daß die soeben geschilderte Schulstunde trotz des traurigen Anlasses etwas Besonderes für die ganze Klasse war. Solch eine persönliche Begegnung zwischen Schülern und Lehrer und zwischen den Schülern untereinander ist vermutlich die Ausnahme. Aber sie ist möglich. Voraussetzung dafür war, daß die betroffene Schülerin bereit war, der Klasse klipp und klar von der Situation ihres Bruders zu erzählen. Vermutlich herrschte in der Klasse schon vor dieser Stunde eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts und Vertrauens. Leicht könnte so eine Stunde sonst in Peinlichkeit abgleiten.

Der Lehrer hatte offensichtlich solch eine gute Stellung in der Klasse, daß er jederzeit Herr der Situation blieb. Er ging bewußt ein Risiko ein. Ihm war klar, daß es besser war, alles auf den Tisch bringen zu lassen, selbst wenn Alyse dies vielleicht sehr schwerfiel. Dafür bekam sie dann die Solidarität und das Mitgefühl all ihrer Klassenkameraden. Zugleich ermöglichte ihre Offenheit, daß auch andere Mitschüler von ihrer Trauer erzählen konnten. In dieser Stunde war der Lehrer als Mensch, als Psychologe, als einfühlsamer Seelsorger und als Lebensbegleiter gefragt. Auch diesem Kollegen gebührt mein voller Respekt.

Autor
Peter Maier
(Gymnasiallehrer, Jugend-Initiations-Mentor und Autor)

*Selbstverständlich sind mit Lehrer stets Lehrerinnen und Lehrer, mit Schüler Schülerinnen und Schüler und mit Pädagogen Pädagoginnen und Pädagogen gemeint.

Die Titel meiner Bücher lauten:

(1) „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band I: Übergangsrituale“

(2) „Initiation – Erwachsenwerden in einer unreifen Gesellschaft. Band II: Heldenreisen.“

(3) „Schule – Quo Vadis? Plädoyer für eine Pädagogik des Herzens“.

Alle Buchtitel sind auch als eBooks erhältlich!

 

Weitere Infos und Buch-Bezug:
www.initiation-erwachsenwerden.de
www.alternative-heilungswege.de

 

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